Satire. Dieser Beitrag ist eine Glosse. Der Anlass ist echt, alles Weitere ist frei erfunden. Die Auflösung steht unter dem Text.
Am Sonntag, dem 13. September, ist an der Westerländer Strandpromenade die letzte Sundowner-Party dieses Jahres über die Bühne gegangen. Danach beginnt auf Sylt ein Zustand, den jeder auf der Insel kennt und für den es bis heute kein Wort gibt. Damit soll jetzt Schluss sein.
Vierundsiebzig Tage ohne Bezeichnung
Ein eigens gebildeter Arbeitskreis Saisonübergang hat die Lücke vermessen. Zwischen der letzten Sundowner-Party und dem ersten Glühweinstand liegen in diesem Jahr vierundsiebzig Tage. Vierundsiebzig Tage, in denen die Insel arbeitet, atmet und mit sich selbst ausgebucht ist, ohne dass ein Begriff dafür existiert.
Das sei, heißt es in der Vorlage, ein Standortnachteil. Was keinen Namen hat, lässt sich nicht bewerben. Sommer und Winter sind vergeben, Herbst ist zu allgemein, und der Arbeitstitel Zwischensaison wurde nach kurzer Debatte zurückgezogen. Er klinge, so ein Mitglied des Gremiums, nach Wartezimmer.
Die Namensfindung dauerte länger als die Jahreszeit
Eingereicht wurden vierzig Vorschläge. Stillstand fiel durch, weil der Begriff im Zusammenhang mit der Marschbahn bereits belegt ist. Grauzeit scheiterte am Widerspruch des Tourismusausschusses, der darauf hinwies, dass man Wetter nicht in den Titel schreibt, solange man es nicht garantieren kann. Nachsommer galt als zu freundlich für November.
Durchgesetzt hat sich am Ende die schlichteste Einreichung: Die Ruhe. Mit bestimmtem Artikel, damit man sie buchen kann. Beginn ist der Montag nach der letzten Sundowner-Party. Sie endet, sobald irgendwo auf der Insel der erste Weihnachtsbaum steht, spätestens aber am 26. November.
Mit dem Namen kamen sofort die Zuständigkeiten
Vorgesehen ist ein Ruhebeauftragter mit Sprechzeiten dienstags von zehn bis zwölf, wobei in der Beschlussvorlage ausdrücklich darauf hingewiesen wird, dass in dieser Zeit nichts zu besprechen ist. Die Stelle gilt intern als attraktiv.
Geplant ist außerdem eine Kurkarte Ruhe zum ermäßigten Tarif. Sie gilt für sämtliche Veranstaltungen, die in diesem Zeitraum nicht stattfinden, und berechtigt zum Betreten von Strandabschnitten, die ohnehin leer sind. An der Promenade soll eine Zählstelle erfassen, wie lange es am Stück still bleibt. Der Rekord aus dem Probelauf liegt bei elf Minuten und wurde von einem Hund beendet.
Beworben wird nur dort, wo niemand hinschaut
Ein Punkt hat den Arbeitskreis dann doch aufgehalten. Wenn man die Ruhe bewirbt, kommen Leute. Und wenn Leute kommen, ist die Ruhe weg. Überregionale Zeitungen entdecken Sylt im Winter ohnehin jedes Jahr aufs Neue als Geheimtipp, leerer, günstiger, ehrlicher.
Die Lösung steht im Protokoll. Die Ruhe wird beworben, aber ausschließlich in Medien, die niemand liest, und in einer Schriftgröße, die man nicht erkennt. Ergänzend setzt man auf die bewährte Selbstregulierung. Wer im November bei sieben Grad und Ostwind zwanzig Minuten an der Promenade steht, trifft eine sehr klare Entscheidung darüber, ob er zur Zielgruppe gehört.
Für Sie ändert das alles nichts. Der Strand ist derselbe, die Nordsee ist dieselbe, und anstellen müssen Sie sich nirgendwo. Sie wissen ab sofort nur, wie die Jahreszeit heißt, in der Sie da sind. Bringen Sie eine Jacke mit, die Sie wirklich ernst meinen.


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